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Wie entwickelten sich die Zunftstangen?

Zunftstangen1Für die Menschen im 18. Jahrhundert, der Friedberger Zeit, war die Kirche der geistlich- weltliche Mittelpunkt ihres Lebens. Auch die Zünfte vereinigten nicht nur die Handwerker eines Gewerbes, sie waren gleichzeitig eine religiöse Gemeinschaft. Die Zunft fühlte sich für das religiöse Leben ihrer Zunftmitglieder verantwortlich und verhängte bei Ordnungswidrigkeiten sogar Strafen. So geschehen z. B. im Jahr 1695: Da mussten die Metzger und Bräuer 51 Kreuzer an das Gotteshaus zahlen, weil sie ihre Zunftstangen beim donnerstäglichen Umgang in den Halterungen stecken gelassen hatten. Bei diesem wöchentlichen Umgang mussten alle Zünfte und Handwerker mit zwei Zunftstangen und mit einer brennenden Kerze in der Prozession mitgehen. Wie Robert Böck im Stadtbuch Friedberg in seinem Artikel „Vom Zunftwesen in Friedberg“ berichtet,  mussten die Stangen während des Gottesdienstes in der Hand gehalten werden und durften nicht in die Halterungen an den Kirchenbänken gesteckt werden.

Für ihre Zunftstangen wählten die Handwerker Heilige als Patrone aus, deren Leben in Bezug zum jeweiligen Handwerk stand. Im Museum im Wittelsbacher Schloss der Stadt Friedberg sind z. B. die Zunftstangen der Bäcker mit der hl. Barbara, der Metzger mit dem hl. Nikolaus, und der Schuhmacherzunft mit den hll. Crispinus und Crispinianus neben weiteren Stangen vorhanden. Auch Toten- oder Bahrtuchschilder wie die der Bräuer mit den Handwerkspatronen Petrus, Paulus und Jakobus, Zunftladen und weitere Gegenstände der Zünfte finden sich dort.

In der Ökumenischen Andacht am 18. Juli 2010 zogen die Handwerker mit ihren Zunftstangen und der Wallfahrerverein mit seinen Wallfahrtsstangen in die Pfarrkirche ein. Während der Andacht wurden drei neue Zunftstangen geweiht: die Zunftstange mit dem hl. Johannes dem Täufer für den Gastwirt Stefan Fuß von der Gaststätte Goldener Stern in Rohrbach, die Zunftstange mit dem hl. Stephanus für den Stukkateur Stefan Paur und die Zunftstange mit dem hl. Vitus für Gerhard Funk von der Theatergruppe Ottmaring.

Wie der hl. Johannes der Täufer, der sich nur von Heuschrecken und wildem Honig ernährte,  zum Patron der Gastwirte wurde, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass Maria ihre Base Elisabeth besuchte und bis zur Geburt des Johannes bei ihr blieb. Der hl. Stephanus, der für seinen Glauben gesteinigt wurde, ist unter anderem auch der Patron der Maurer und Stukkateure. St. Vitus ist der Patron der Schauspieler, weil er mit singenden und tanzenden Mädchen in einem Raum eingesperrt wurde. Sie sollten ihn vom Glauben abbringen. Engel umgaben ihn aber und schützten ihn vor der Gefahr. Die Handwerker mit ihren Zunftstangen stellen sich mit der Segnung ihrer Zunftstangen bei der ökumenischen Pilgerandacht unter den besonderen Schutz ihres Patrones.

Gabriele Raab

historische Beraterin der Friedberger Zeit

Altstadtfest in Friedberg 08.- 17. Juli 2016